Samstag, 1. November 2025

Totenparadiese

 

Neulich las ich zufällig über einen Friedhof, der evtl demnächst für eine Wohnsiedlung platt gemacht werden soll. In unserer Nähe gibt es einige Friedhöfe, die kaum mehr genutzt werden oder schon zu Parks umfunktioniert wurden. Einer davon hat ein recht großes Stück Wald, der auch für Wohnungen abgeholzt werden soll. Es wäre nicht Berlin, wenn nicht jedesmal viel Protest dagegen hereinrollt. So ist schliesslich auch der Flughafen Tempelhofer Feld freie Wiese geblieben. Nun las ich aber, dass auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof (III) tatsächlich Ulrike Meinhof begraben wurde. Na, das ist ja ein Ding. Dieser Friedhof liegt zwar in Mariendorf , ist aber mit dem Rad nur 20 Minuten von uns entfernt. Also heute hin da. Trotz googlemaps' leuchtend blauem Punkt, der andeutete, dass wir schon fast ins Grab fallen müssten, hat es eine Weile gedauert, bis wir den Grabstein entdeckten. Kein Wunder: der Name war schon fast zugemoost und Kerzenwachs - also noch Besucher- hatte die Schrift verhunzt.  1976 ist die Journalistin entweder im Gefängnis Stammheim umgebracht worden oder hat Suizid begangen. Wir werden es nie erfahren..... Anyway, dieser Friedhof schien erst verdammt ungemütlich: überall fette evergreen Büsche , Tannenbäume oder hohe Koniferen (meine Oma hasste das) mit weit auseinander liegenden Gräbern, aber  hie und da waren einige Leute zu sehen. So schlichen auch ein paar RAF Sympathisanten in der Nähe des Grabs herum. Wir hatten es gerade etwas hergerichtet, einen Blumentopf, der an einen Baum gelehnt hatte, zur Deko hingestellt, etwas das Laub beiseite gewischt und ein paar Kastanien als Lebenszeichen drauf gelegt..... Dann ging es weiter hinein ins Reich der Toten. Und es war einfach herrlich. Das gelbe, rote und orangefarbene Laub als Kontrast zum Tannengrün war wunderschön, und am hinteren Ende war der Friedhof "naturbelassen". Abgestorbene Bäume wurden nicht gefällt, Gras wucherte und eine riesige Kolonie Rabenvögel hatte sich dort angesiedelt. Die krähten wie verrückt. und stürzten sich immer wieder auf irgendwelche Leckerein.

Auf der anderen Seite lag der griechisch-orthodoxe Friedhof, dessen Gräber fast nur Holzkreuze trugen. Schön. Dahinter eine platte Wiese mit ganz alten Rosenbüschen und Blick auf das bekannte Ullsteinhaus (Buchverlag, ganz aus Backstein, mit Turm). Diese Stille mitten in der Stadt, irre ! Im Sommer könnte man sich hier herrlich sonnen oder nur Vögel beobachten. Einige Eichelhäher waren auch zu sehen. Als ich in einem offenen Pflanzenmüllcontainer schaute, lag da ein riesiger, noch gut erhaltender Strauß gelber Rosen mit Schleiherkraut.  Na, der musste gerettet werden. Eigentlich wollte ich den auf Frau Meinhofs Grab legen, aber da waren schon wieder ein paar Linke im Anmarsch. Somit einfach mit nachhause genommen. Kurz vor dem Ausgang sahen wir noch ein großes Grabmal in schwarzem Granitstein, der auch ziemlich vermoost war. Ich kratzte etwas dran herum, um eine Jahreszahl zu erkennnen. Die "treue Gattin (von Carl) und unsere herzensgute Tante Anna B." war mit 86 Jahren 1921 verstorben, 17 Jahre nach ihrem Carl. Und Carl-  wir wischten fleissig auf Zehenspitzen weiter - war ein sogenannter Rentier. HÄ? Ein Ren- Tier wie in Lappland oder wie? Nein, google google, er war die französisch bezeichnete Person, die vom Privateigentum durch Mieteinnahmen lebte. Well, well, was man von den Toten alles so lernen kann an ihrem letzten Wohnort.   Auf jeden Fall sind Friedhöfe in der Großstadt kleine Paradiese, dit is ma klarer Fall.  OH die Abendschau geht los. 19:29 Uhr, over+out

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