Donnerstag, 17. September 2026

Jäger und Sammler

 

Warum sammelt der Mensch?  Warum stellen wir uns die Garagen voll mit Tiniff, müssen extra Schränke für unsere ollen  Briefmarkenalben oder vintage Kaffeekannen aufstellen? Was ist das nur, was uns da umtreibt? LANGEWEILE? Nein, es ist der Jagdtrieb. Wenn ich zB unauffällig über den Flohmarkt vorm Schöneberger Rathaus schlendere, um nach Kisten mit alten Fotos Ausschau zu halten, bin ich auf etwas ganz Bestimmtes erpicht: das Bild vom 1.Schultag. Kinder mit einer Schultüte. 20x bin ich auch schon fündig geworden, aber meist haben die arabischen Heinis, die mittlerweile die Wohnungen alter Leute ausräumen, Donald Trump-Tarif-Allüren und meinen sie können Mondpreise fürs so'n vergilbtes Bild nehmen, was gleich sowieso nur verregnet oder weggeschmissen wird. Aber ab und an werde ich noch fündig. Ansonsten sammel ich schon seit ewigen Zeiten Lesezeichen oder Visitenkarten von Buchläden oder Bibliotheken. Irgendwann fand ich in einem Büchereibuch mal ein hellblaues Bändchen, das bei Neugeborenen als Namensschild ans kleine  Ärmchen gebunden wird. Das hat mich damals so traurig gemacht, denn so was will doch aufbewahrt werden (sammeln aus Nostalgie). Ausserdem hab ich mich gewundert, wieso die werdende Mutter ins Krankenhaus ein Buch mitnahm. Hatte die nicht genug mit der Geburt zu tun? Wie dem auch sei, ich hatte diese Bändchen tatsächlich selber behalten, um damit eine Sammlung von "GEFUNDEN in Bibliotheksbüchern" zu starten. Zuletzt hatte ich mich dem 2017 gewidmet, denn ich lese jetzt selten geliehene Bücher. Die 3 Wochen Lesefrist machen zu viel Stress (meine Lesegeschwindigkeit ist Schneckentempo). Nun vielen mir aber die paar Sammelobjekte neulich beim Umräumen wieder in die Hände (ein Theaterticket der Volksbühne, ein Foto von 1986/Männerkopf, ein Museumsticket ) und seitdem geht's bei mir täglich in irgendeine Bibliothek. Meine glasig werdenden Augen erkennen sofort, wo sich etwas zwischen den Seiten befinden könnte. Wie ein Terminator scanne ich die Regale, allerdings nur auf Augenhöhe, logo, naja gut zwischen Nase und Knie muss es sein. Und nun sind schon über 100 weitere Objekte in meiner Sammlung. Da kommt Freude auf, denn die werden natürlich feinsäuberlich eingeklebt und in einem Aktenordner aufbewahrt. Selbstverständlich ist der Mensch, was Lesezeichen betrifft, erfinderisch. Göttergatte bevorzugt zB Eselsohren, was bei mir natürlich gleich Schnappatmung auslöst. Derartig beschädigt man doch kein Buch. Nein, meine Sammlung beinhaltet so gut wie alles, was gerade noch zwischen die Buchdeckel passt: da wären dann Zahnstocher, Streichhölzer, Büroklammern (nur in türkischsprachigen Büchern), Postkarten, Servietten, Klopapier, Zettelabrisse, Stickernotes, echte Lesezeichen, und was ich besonders mag: in Werken über andere Länder, also so lonely planet Büchern, gibt es auch mal Bustickets aus Boston oder Restaurant flyer aus Frankreich. Besonders spannend fand ich eine Restaurantrechnung von einem Sterne-Lokal aus München in Höhe von 557 Euro. Auch die Mietwagenrechnung und die Alpenvereinmitgliedskarte waren interessant, weil mit Namen versehen, die man googeln kann. Der Mensch, so leichtsinnig. Sehr beängstigend sind allerdings Zettel mit der Warnung "Die Gemeinschaftssekte tötet Kinder für Saufviedeos. Bitte tretet aus." Wow, eine arme psychisch kranke Socke, die wohl Stimmen hört, ist da unterwegs in den Regalen, so wie die komisch herumschleichende, dicke Tante, die plötzlich zuschlägt und sich danach noch Notizen macht. Natürlich wird aufgeschrieben, in welchem Buch das Objekt gefunden wurde. Was man dabei für Titel entdeckt. Nee oh nee. nun muss ich aber los, um meine glasigen Augen durchchecken zu lassen. Der Star, der Graue, der ruft schon. 8:45 Uhr. Over+out-

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